Wie alles begann

Die Initiative Phoenix wurde geboren, als eine Frau beschloss, öffentlich zu werden mit ihrer Wut, die sie bis dahin nur gegen sich selbst gerichtet hatte. Aus der Verzweiflung darüber, mit ihrer sie verfolgenden Vergangenheit nicht abschließen zu können, weil pauschale Therapie-Richtlinien der Krankenkassen und der zum Teil katastrophal retraumatisierende Umgang von Behörden und zum Teil Beratungsstellen mit traumatisierten Menschen, sie wie viele tausend Andere immer wieder in ihrem Kampf ums Überleben zurückwerfen.

Sie schrieb einen Brief, mit dem Ziel, ihn an seriöse Magazine der öffentlich-rechtlichen Medien, an zuständige Ausschüsse und Ministerien in Bund und Ländern und an die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen zu senden. Sie stellte den Brief in einem Selbsthilfe-Forum für Überlebende von Gewalterfahrungen zur Diskussion und fragte, ob jemand bereit wäre, ihn mit zu unterzeichnen.

Daraus ist inzwischen eine überwältigende Resonanz von zahlreichen Betroffenen geworden und eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel, ein Konzept für Forderungen an die Politik für angemessene Psychotherapie für traumatisierte Menschen zu erarbeiten, wurde gegründet (Infos dazu hier auf diesen Seiten). Und täglich erreichen uns eMails von Psychologinnen und Psychologen, Therapeutinnen und Therapeuten und anderen Helferinnen und Helfern und Verbündeten, die uns darin unterstützen, sichtbar und laut zu werden, um auf die Missstände hinzuweisen und ein Umdenken zu fordern.

Den Brief und die bisher eingegangenen Reaktionen darauf und aus Presse und Politik finden Sie auf dieser Internetseite. Wir freuen uns über weitere Unterstützung und werden die aktuelle Entwicklung der Initiative hier veröffentlichen.

Wenn Sie Fragen oder Anregungen haben oder "sichtbar reagieren" möchten, können Sie uns gerne eine eMail schreiben.

Offener Brief

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

In einer Zeit, in der das Thema der sexuellen Gewalt gegenüber Kindern soviel mediale Aufmerksamkeit erlangt hat, drängt es mich, Ihnen einmal "ein wenig" aus der Praxis im Umgang mit den Betroffenen zu berichten, die - das sei vorausgeschickt - katastrophal retraumatisierend, demütigend und entwürdigend ist.

Es wird momentan viel über die Prävention von Übergriffen gegen Schutzbefohlene diskutiert. Dabei gerät in den Hintergrund, dass die überwiegende Mehrheit der von Gewalt betroffenen Kinder diese nicht in der Schule oder anderen Institutionen erleben muss, sondern im eigentlichen "Schutz"raum Familie. Die Zahl der Menschen, die in ihrer Kindheit und in der Folge dessen ihr Leben lang mit den Auswirkungen komplexer Traumatisierungen zu kämpfen haben, kann nur geschätzt werden, da die Dunkelziffer sehr hoch ist. Laut UNICEF ist "die Familie für Millionen Kinder der 'gefährlichste Ort'". In der Studie "Gewalt gegen Kinder", die 2006 veröffentlicht wurde, ist davon die Rede, dass jedes Jahr über 200 Millionen Kinder und Jugendliche in ihren Familien Zeuginnen und Zeugen von Gewalt werden und dass allein in Deutschland jede Woche zwei Kinder an den Folgen schwerer Misshandlungen sterben.

Die meisten von langjährigem Gewalterleben in der Kindheit und Jugend Betroffenen suchen bzw. erhalten professionelle Hilfe bei der Auf- und Verarbeitung ihrer Erlebnisse und der daraus resultierenden Folgen erst im Erwachsenenalter. Sie mussten Schutzmechanismen entwickeln, die ihnen das Überleben in pathologischen Familiensystemen und im Alltag ermöglichten, und die sich oft erst später - beim Versuch, ein eigenes Leben zu führen - als schädlich und lebensbeeinträchtigend erweisen. Hinzu kommen zahlreiche Traumafolgestörungen, die einen "normalen", funktionierenden Alltag schwierig bis unmöglich werden lassen. Außerdem machen Betroffene meist die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird.

Kinder senden immer Signale, aber finden im Durchschnitt erst bei der siebten Person, an die sie sich wenden, Hilfe.

Was passiert mit denen, die sich bewusst werden, dass sie Hilfe benötigen und diese in unserem "Gesundheits"system zu hoffen finden? Wie und wo können sie Schritte zu Heilung finden? Wie werden sie darin unterstützt, ein selbständiges, unabhängiges und "gesellschaftsfähiges" Leben zu führen und sich sozial einzubinden?

Das zu schildern, möchte ich anhand meiner persönlichen Erfahrung versuchen, die stellvertretend ist für tausende andere, wie ich aus dem Austausch mit anderen Betroffenen und auch mit Fachleuten aus Psychotherapie und Psychiatrie weiß - und wie sich sehr einfach durch Recherche z.B. im Internet herausfinden lässt, wenn man sich die inflationsartige Ausbreitung von Selbsthilfe-Foren, Beratungsangeboten und Betroffenen-Hilferufen etc. ansieht.

Natürlich ist es schön zu sehen, wie sich Gemeinschaft entwickeln kann, indem sich Betroffene gegenseitig die Hand reichen, um Versorgungslücken zu schließen, doch das darf doch keine Dauerlösung sein! Vor allem weil dieser virtuelle Zusammenhalt ja auch eine Tragfähigkeit vorgaukelt, die im sozialen Alltag keine Chance auf Umsetzung hat, weil sie zwar beruhigend anonym, aber doch so realitätsfern bleibt.

Dass sich Therapie-Richtlinien, Behördenumwege bei der Beantragung von Geldern zur Opferentschädigung, Verjährungsfristen und insgesamt der Umgang mit Betroffenen trotz zahlreicher Studien, die die Notwendigkeit eines Umdenkens belegen, dennoch nicht wesentlich verändern, ist ein unhaltbarer Zustand.

Erschwerend kommt hinzu, dass gerade diese Menschen sehr, sehr selten in der Lage sind, sich gegen bestehende Hürden zur Wehr zu setzen und für ihr Recht auf Hilfe zu kämpfen. Therapeutinnen und Therapeuten haben mit Arbeitsüberlastung und gutachterlichen Auflagen für Antragsverfahren alle Hände voll zu tun "neben" der zeit- und energie-aufwendigen Arbeit mit ihren Klientinnen und Klienten. Deshalb erhalten die Zustände in diesem Bereich wahrscheinlich so wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Das Letzte, das ein schwer traumatisierter Mensch aufbringen kann, ist die Kraft für zehrende Behördenkämpfe und die innere Stabilität für Öffentlichkeitsarbeit.

Mein Brief an Sie resultiert aus der Wut, die mich nach "nur" drei Jahren Therapie-Ringen übermannt.

Wut über das, was mir und uns zusätzlich zu dem, was wir zu tragen haben, in den Weg gelegt wird, und was mich immer wieder zurückwirft auf meinem Weg in einen Alltag, in dem ich unabhängig sein kann von inneren Unruhen und von äußeren Hilfestellungen.

Wut, weil soviel geredet und nichts getan wird.

Wut, weil die aktuelle öffentliche Debatte am Thema vorbei in konstruierte, oft wirklichkeitsferne Präventionsmodelle und zu zahlreichen Überlegungen über Therapie- und zukünftige Berufs-Möglichkeiten der Täterinnen und Täter führt - und nicht zuerst und mit Vehemenz in eine Umstrukturierung des Hilfesystems für die Betroffenen.

Ich selbst bin in meiner Herkunftsfamilie von Geburt an und dann mehr als 20 Jahre lang mit tagtäglicher Gewalt "in jeglicher Form" aufgewachsen. Ich hatte das Glück, aus meiner Situation fliehen und mich langsam aus diesem System lösen zu können. Mit einigen Schwierigkeiten habe ich es geschafft, mich durch eine Ausbildung zu kämpfen und diese auch abzuschließen. Mit der Freiheit und der Übernahme der Verantwortung für mein Leben musste ich jedoch feststellen, dass ich einen "normalen" Alltag erst lernen werden muss. Schlaf- und Konzentrationsstörungen, immer mehr mich einholende Erinnerungen, Affektlabilität, Depressionen bis hin zu Selbstmordnähe und die "ganze Palette" der sogenannten posttraumatischen Belastungsreaktionen bestimmten und bestimmen mein Leben. Mit 26 Jahren begann ich deshalb eine Psychotherapie - mit dem Ziel, all diese Schwierigkeiten verstehen und überwinden zu lernen.

Ich wollte und will in meinem Beruf arbeiten und mich selbst versorgen können.

Es dauerte etwa 70 Therapiestunden bis ich genügend Vertrauen aufgebaut hatte, um eine tragfähige therapeutische Beziehung zulassen zu können. Das mag viel klingen, aber die ständige Konfrontation mit meiner "Unfähigkeit, schneller zu heilen" durch die immer wieder nötigen Verlängerungsanträge, deren Bewilligung von mir fremden Gutachterinnen oder Gutachtern abhing, warf mich regelmäßig um Wochen in meiner Stabilisierung zurück. Denn jedes Mal muss wieder begründet werden, warum die Therapie "noch immer nötig" ist, ob sie denn auch "erfolgversprechend" verläuft und jedes Mal bedeutet es eine Wartezeit auf die Genehmigung neuer Stunden, die ich in meinem Fall damit füllen musste, zu versuchen, nicht schon wegen des möglichen erzwungenen Therapie-Endes "dicht zu machen" und mich in alte Muster fallen zu lassen.

Das Problem ist: 70 Stunden sind nicht nur viel arbeitsintensive Zeit, sondern auch eine "tickende Krankenkassenbombe". Denn laut Therapie-Richtlinien "darf" eine Traumatherapie maximal 80 Stunden dauern. In meinem Fall konnte ich durch einen neuen Antrag meiner Therapeutin, ein erneutes Gutachten mit erneuter Wartezeit, in der man nichts "Tiefgreifendes" bearbeiten kann, weil ja nicht klar ist, ob das noch zuende gebracht werden kann, noch einmal 20 zusätzliche Therapiestunden erhalten.

Nach nunmehr 100 Stunden Therapie ist die Krankenkasse an dem Punkt angelangt, an dem sie es wohl für aussichtslos und "rausgeworfenes Geld" hält, wenn sie mir weitere Behandlung finanzieren soll.

Dummerweise fragen mein Körper und vor allem meine Psyche nicht danach, ob jetzt gerade der richtige Zeitpunkt ist, nicht mehr zu "funktionieren".

Therapie ist Arbeit. Therapie braucht Zeit. Und Therapie braucht einen funktionierenden Alltag, der stabilisieren kann und für äußere Sicherheit sorgt - also existentielle Absicherung, soziale Netzwerke, Eingebundenheit in den Beruf und damit die Gesellschaft, etc.

Ich habe während der gesamten Zeit weiter gearbeitet (unter anderem um die ständig steigenden Kassenbeiträge zu bezahlen), um meinen Alltag funktionierend zu halten, den Anschluss an das soziale Leben nicht zu verlieren und um von niemandem, auch nicht von Sozialleistungen, abhängig zu werden.

Als klar wurde, dass ich mehr Therapie brauchen würde als "mir zusteht" (welche Arroganz, das pauschalisierend festzulegen!!), musste überlegt werden, was nun geschehen soll. Was, ironischerweise, aufgrund der inneren Unruhe, die es anrichtete, weil ich nun gerade erst tatsächlich "angekommen" war in der Therapie, wieder Stunden verbrauchte, in denen ich um innere Stabilität ringen musste, um die äußere aufrecht zu halten.

Meine Möglichkeiten in dieser Situation waren/sind:

1. private Zahlung der Therapiestunden.

Das tat ich übergangsweise und tue es im Moment auch, was - und das ist schon sehr kulant!! - einen monatlichen finanziellen Mehraufwand für mich in Höhe von bis zu ca.350 Euro bedeutet. Um dieses Geld zusätzlich zu erwirtschaften, bräuchte ich eine innere Stabilität, die, wenn ich sie hätte, eine Therapie unnötig machen würde. Zusammengefasst: ohne Geld keine Therapie. Ohne Therapie nicht arbeitsfähig. Ohne Arbeit kein Geld...

2. über diverse Beratungs- und Opfer-Hilfs-Organisationen Anträge auf Therapiekostenzuschüsse stellen.

Das habe ich versucht. Die Beratungsstelle, die ich aufsuchte, reichte einen Antrag auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz ein. Das zuständige Amt forderte eine detaillierte Auflistung der "Ereignisse", die dazu geführt haben, dass ich therapiebedürftig bin. Im eisernen Willen, mein Bestes zu tun, kratzte ich aus meinem Gedächtnis soviel wie möglich zusammen, was meine Therapeutin bis dahin wohlwissend vermieden hatte, mir zu empfehlen. Gegen ihren Rat brachte ich mich so in die Lage, mir Erinnerungen mit Absicht immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, um mich an geforderte Namen, Daten, Details der "Erfahrungen" zu erinnern zu versuchen. In der Folge dessen brach ich dekompensiert zusammen und schaffte es nur mit Mühe, meinen Arbeitsalltag wenigstens teilweise aufrecht zu halten. Als meine Therapeutin die Beraterin, die mit mir das Antragsverfahren durchfechten wollte, darauf hinwies, dass zukünftig Befragungen dieser Art zu vermeiden seien, teilte mir die Beraterin mit, sie habe in Rücksprache mit dem restlichen Team besprochen, dass sie mich nicht weiter betreuen könne, da ihr die Verantwortung zu groß sei. Zeitgleich antwortete das zuständige Amt, der Antrag sei unzureichend und meine Schilderungen nicht glaubhaft, da zu ungenau und da es keine "Beweise" für das Vorgefallene gibt.

Ja, es gibt keine "Beweise", keine Akten bei Jugendamt oder Polizei, keine Verwandten, die bereitwillig sagen: "Oh ja, ich habe dieses Kind geschlagen, getreten, hungern lassen, eingesperrt, vergewaltigt,... bzw. habe davon gewusst."

Viele Stunden (siehe oben) hatte meine Therapeutin bis dahin schon gebraucht, um mir zu versichern, dass ich mir trotz fehlender "Beweise" und trotz gegenteiliger Behauptungen der Familie, die wie eine Mauer gegen mich steht, nicht alles nur einbilden kann, was ich erinnere oder was mein Körper erinnert. All diese Stunden, all die Stabilisierungsarbeit, all meine aufkeimende Hoffnung, ich sei vielleicht doch nicht "verrückt", eine Lügnerin, unfähig zu leben etc. brachen in sich zusammen. Ich war gezwungen, meine Arbeit aufzugeben, weil das Funktionieren schlicht aufhörte zu funktionieren.

Hiermit fiel die Möglichkeit, durch mehr Arbeit privat Therapiestunden zu finanzieren, aus. Nun war ich nicht mehr allein in der Not, sondern mein Umfeld direkt mit. Meine Lebensgefährtin musste mich mehr und mehr durch den Alltag "tragen", meine sozialen Kontakte brachen zusammen und meine Therapeutin hatte alle Mittel und Wege der Machbarkeit ausgeschöpft. Was blieb, war das Angebot, lose Kontakt zu halten, um 2 Jahre zu überbrücken, nach denen ein neuer Antrag bei der Krankenkasse eingereicht werden könnte. Meine finanziellen Ressourcen waren am Ende und noch immer wollte ich von niemandem abhängig werden. Ich startete einen neuen Arbeitsversuch, der scheiterte. Mir ging es so schlecht, dass ich allein die Überbrückung jeder neuen Woche beinah unmöglich fand und sich ein Abgrund nach dem anderen vor mir auftat.

Ich entschloss mich dazu, meinen immer wieder aufkeimenden Arbeits- und Hilfs-Unabhängigkeits-Willen zugunsten meiner Gesundheit aufzugeben - an dem Punkt war es auch kaum mehr eine Frage der Entscheidung - und informierte mich über Möglichkeiten einer stationären Behandlung. Mein Ziel war und ist, arbeitsfähig zu sein, selbst für mich zu sorgen und die Bearbeitung meiner Traumafolgestörungen so in mein Leben zu integrieren, dass ich damit niemandem zur Last fallen muss.

Ich fand eine Klinik, in der man sich mit komplexen Traumatisierungen auskennt. Ich fuhr zu einem Vorgespräch, in dem geklärt wurde, was ich brauche, und ob mir dort so geholfen werden kann, dass im Anschluss die Möglichkeiten der ambulanten Therapie im Rahmen der Krankenkassen-Richtlinien wieder ausreichen würden.

ALLE Kliniken, die Traumatherapie anbieten, haben Wartelisten. Teilweise warten Patientinnen und Patienten bis zu 18 Monate auf einen Therapieplatz. Ich bekam eine Zusage für den Start meiner Therapie 4 Monate nach dem Vorgespräch. Meine Erleichterung darüber war unbeschreiblich, vor allem weil ich mich inzwischen nur noch durch engmaschige Begleitung meiner (mittlerweile durch ein Darlehen finanzierten) Therapeutin, meiner Hausärztin und inzwischen auch eines Psychiaters über die Tage retten konnte.

Um meine Krankenkasse über die bevorstehende Einweisung zu informieren und die Formalitäten zu klären, telefonierte ich mit einer Sachbearbeiterin, "zuständig für stationäre Behandlungen". Diese teilte mir mit:

"Wenn Sie ein Vierteljahr warten konnten auf die Aufnahme, ist die Behandlung, die Sie beantragen wollen, nicht nötig."

Diese Frau wusste NICHTS über meine Krankengeschichte, über meinen Zustand, über meine Not - und es hat sie auch nicht im Geringsten interessiert. Als ich beginnen wollte, es ihr zu erklären, beeilte sie sich, das Gespräch zu beenden durch die vehemente Betonung der Tatsache, dass stationäre Behandlungen nur bei akuten Erkrankungen nötig seien und ich mich wohl eher um eine Rehabilitationsmaßnahme bemühen sollte.

Nun stehe ich da - eigentlich erlöst aus dem Dilemma, mich irgendwie über Wasser halten zu müssen - und beginne von vorn. Ich muss kämpfen und betteln und standhaft bleiben und hoffen. Hoffen, dass diejenigen, die ich mit dem mir mühsam vom Munde abgesparten Krankenkassenbeitrag von monatlichen 330 Euro dafür bezahle, mir Hilfe zu ermöglichen, überzeugt werden können  - wenn sich noch einmal die Fachleute, die mich die letzten Monate getragen haben, zusammentun und alle Mühe geben zu begründen, warum sie sich einig sind, dass ich diese Hilfe brauche.

Ich werde nicht aufgeben, nicht jetzt.

Es gibt Menschen, die mir helfen können und das auch wollen. Doch diese Hilfe kostet Zeit und Geld. Ich war und bin bereit zu tun, was mir möglich ist. Ich habe meine Situation nicht selbst "verschuldet" und kann guten Gewissens sagen, ich habe wirklich versucht, es ohne "Betteln" zu schaffen. Jetzt werde ich in die Position der Bittstellerin gedrängt als würde ich Unerhörtes verlangen. Es passiert quasi dasselbe, womit alles angefangen hat:

Mir wird suggeriert, ich sei es nicht wert, menschenwürdig behandelt zu werden.

Und doch wird von mir erwartet, dass ich schleunigst lerne, mich nicht unwürdig, nutzlos und schuldig zu fühlen, damit ich funktionsfähig für die Gesellschaft bleibe und das  System kein Geld für mich ausgeben muss.

So und ähnlich und noch auswegloser geht es tausenden Betroffenen in unserem Land. Fragen Sie einmal nach... und dann bitte ich Sie, mir zu erklären, warum es in der öffentlichen Debatte niemals darum geht, was wir tun können für die, die hilfsbedürftig gemacht wurden, sondern immer nur darum, wie wir mit denen umgehen, die dafür verantwortlich sind.

Es stimmt, dass Täterinnen und Täter ja oft auch selbst Betroffene gewesen sind.

Die Verantwortung für deren Tun liegt TROTZDEM nicht bei denen, an denen sie ihr Unvermögen abarbeiten!

Die Debatte wird mit dieser Argumentation vom Thema weg geführt. Das muss aufhören.

Ich habe mich entschieden, mein Leid nicht auf dem einfachen Weg, indem ich selbst zu einer Täterin werde, zu externalisieren. Ich hätte es leichter haben können - Amok laufen... was mir sicheres Essen und ein Dach über dem Kopf ohne Arbeitskampf gebracht hätte plus Therapie und (Re-)Sozialisierungsmaßnahme. Ich habe mich aber entschieden, kein Opfer zu bleiben, das ums Überleben kämpft. Ich bin ein Mensch und will LEBEN - trotz meiner Geschichte - und das steht mir zu. So wie allen anderen, denen es wie mir und noch "anders schlimm" geht.

Es darf keine Bewertung individuellen Leids mehr geben, die pauschalen Therapierichtlinien inhärent ist!

Ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit sich nicht mehr abwendet oder drumherum redet, um "die Opfer" und wie "sowas hätte verhindert werden können". Wir ALLE sind betroffen. Alle, die mit ihren Kassenbeiträgen und ihren Steuern das System finanzieren, das so fehlgeleitet agiert.

Alle, die mit mir diesen Brief unterzeichnen, fordern:

  • Die Änderung von Therapie-Richtlinien, so dass traumatisierte Menschen die Hilfe bekommen können, die sie benötigen, und zwar UNABHÄNGIG von Zeitbegrenzungen, pauschal festgesetzten Therapie"arten" und retraumatisierenden Gutachter-Verfahren.

  • Schnelle, unbürokratische Hilfe in Notlagen, wie z.B. übergangsweise Therapiekostenzuschüsse aus öffentlichen Kassen.

  • Für JEDE und JEDEN die Möglichkeit auf zeitnahe stationäre Aufnahme in GEEIGNETE und genügend finanziell gestützte Therapie-Einrichtungen.

  • VORRANG DER OPFERHILFE vor dem Schutz und der Betreuung von Täterinnen und Tätern.

 

Peggy Borchert

Winden, 19. April 2010

Nachtrag zum offenen Brief

 

Seit dem wütenden offenen Brief, der die "Geburt" der Initiative "Phoenix" einleitete, ist ein Jahr vergangen. In der Zwischenzeit ist einiges passiert.

Indem ich zunächst leider auf medikamentöse Behandlung zurückgreifen musste, hangelte ich mich durch die nächsten Wochen. Ein Psychiater unterstützte mich gegenüber der Krankenkasse und so konnte ich im Sommer 2010 in einer mehrwöchigen stationären Psychotherapie endlich eine Stabilisierung erreichen. Die Finanzierung anschließender ambulanter Traumatherapie blieb allerdings ein Problem, was mich auf meinem Weg immer wieder bremste oder zurück warf. An eine konstante Wiederaufnahme einer Berufstätigkeit war noch immer nicht zu denken und mein Schuldenberg wurde täglich größer. In einem erneuten Kraftakt halfen mir meine Therapeutin, meine Partnerin, eine Beraterin von Wildwasser und eine Anwältin vom Weißen Ring, mich für eine Unterstützung von außen einzusetzen. Ohne dieses geduldige und "strapazierfähige" Netzwerk hätte ich die Energie und den Mut dafür nicht aufbringen können. Auch die Rückmeldungen und der moralische Beistand anderer Betroffener hat mich über diese schwierigen Monate getragen.

Die unglaublich erlösende Nachricht erhielt ich Mitte November 2010: Der Weiße Ring stellt mir eine Beihilfe zur Verfügung, mit der ich nun seit Januar 2011 für eine Zeitlang therapeutisch weiter arbeiten kann - ohne die ständigen Gedanken an das Ende des Stunden-Kontingents und das schlechte Gewissen wegen meiner unzureichenden finanziellen Mittel.

Voraussichtlich zum Ende des Sommers/im Herbst wird mich das Thema allerdings wieder einholen.

Nach Auskunft meiner Krankenkasse kann ein Neuantrag für ambulante Psychotherapie wieder im Januar 2012 gestellt werden. Nach den Richtlinien des gBA, die zugrunde gelegt werden, waren sie ohnehin schon überaus kulant mit der Bewilligung von 20 Stunden mehr als die Richtlinie als maximal nötig vorgibt.

Gleichzeitig läuft im Moment das Verfahren zur Gewährung von Hilfe nach dem OEG, über dessen Stand ich zu meiner Entlastung aber nicht informiert bin. Sollte es erfolgreich enden, würde die Hilfe des Weißen Ringes damit zurückgezahlt werden können.

Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, gerade einmal ausatmen und ein Stück meines Weges etwas unbeschwerter fortsetzen zu können. Zur Stabilisierung bin ich froh über die jetzt mögliche, aktuell hochfrequente Begleitung durch meine Therapeutin - so kann ich mich sowohl über Fortschritte auf meinem Heilungsweg freuen, als auch langsam wieder in den beruflichen Alltag einsteigen, was nicht unwesentlich zu einer Verbesserung meines Gesundheitszustands beiträgt.